RENATE PAULSEN & ENGELBERT BECKER: vis-à-vis

26. Mai - 29. Juni 2000 zum 20-jährigen Jubiläum der galerie januar

Engelbert Becker malt Bilder, die man als monochrom bezeichnet. Der Ausdruck ist fachsprachlich eingeführt, aber im Grunde ungenau. Ein auf den ersten Blick gelbes Bild zeigt beim zweiten Hinschauen Rotspuren. Ein auf den ersten Blick rotes Bild bleibt auch auf den zweiten Blick ein rotes Bild, aber es enthält so viele Rottöne, daß man sichfragt: wieso einfarbig? Wo ein erster Blick, vielleicht enttäuscht über die dürftige Menge an Informationen, schnell fertig sein möchte: rotes Bild, gelbes Bild, erkannt, abgehakt - da merkt er, wenn er nicht der Allerflüchtigste ist, dass es so schnell nicht geht: ein langer zweiter Blick muß her, die Wahrnehmung verlangsamt werden. Verlangsamung ist Intensivierung der Wahrnehmung. Becker verweigert uns die heute überall übliche Bilderflut unterschiedlichster und widersprüchlichster Details. Er bietet uns einen Farbraum der Stille. Während in der Bilderflut die Bilder sich jagen, sich - wie wir sagen - gegenseitig totschlagen, wir die Vielfalt der Bilder überhaupt nur ertragen können, weil sie für uns tote Bilder bleiben, ist Beckers Bild lebendig, gegenwärtig. Sein Leben zeigt sich zum Beispel an seiner Oberfläche. Während die triviale Bilderwelt ihr Totsein durch ihre glatte, platte, unsinnliche Oberflächlichkeit beweißt, welche die Sinnlichkeit des Betrachters abtötet, weckt die Oberfläche eines Bildes von Engelbert Becker unsere optische und haptische sinnliche Wahrnehmung; eine Wanderung des tastenden Auges über die Oberfläche, die Haut des Bildes, wird zum Abenteuer.

 

Aber Beckers Bilder erschöpfen sich nicht in fraglos bezauberndem Oberflächenreiz. Die stillen Farbfelder sin Energieträger, die ausstrahlen in den Raum. Es ist bekannt und in allen Farblehren nachzulesen, daß etwa Rot eine nach vorn drängende Farbe ist, die in den Interpretationen gern als vital und aggressiv erklärt wird, wogegen Blau die kühle Farbe der Ferne und der Introversion sei. In den Theorien wird oft die räumliche mit der psychischen Wirkung der Farbe gekoppelt. Becker ist allein an der räumlichen, nicht an der psychischen oder expressiven Kraft der Farbe interessiert. Psychisches mag einfließen in die Rezeption des Betrachters wie auch schon bei der Farbwahl des Malers, aber es ist nicht intendiert.

 

Text: Hajo Antpöhler



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