SYBILLE PATTSCHECK: Farbobjekte im Raum

1995

(c) Sybille Pattscheck
Licht durch Farbe
Den Bewohnern von Wasserlandschaften wird nachgesagt, ein besonderes Verhältnis zum Licht zu haben. Möglicherweise liegt das daran, daß die Spiegelung des Himmels auf dem Wasser das Licht besonders rein und substantiell erscheinen läßt; was wiederum auch begreifbar macht, weshalb das Licht so leicht in die Malerei der dort lebenden Künstler einströmt, wie uns die niederländische oder venezianische Malerei eindrucksvoll zeigt. Auch am Niederrhein ist diese besondere Qualität des Lichtes wahrzunehmen, die sich im Ausblick auf den fernen Horizont zwischen Wasser und Himmel als großes Gesamtbild offenbart, das die Menschen wie ein durchsichtiges Gehäuse umgibt und über dessen Hülle ein fortwährender Wolkenzauber vorüberzieht.

Gefordert, die spezifische Qualität dieses Lichtes näher zu beschreiben, würde ich direkt auf das Werk von Sybille Pattscheck verweisen. Am Niederrhein geboren, ist sie in diesem Licht groß geworden. Es geht ihr um Licht, um Licht durch Farbe. Wachs ermöglicht ihr dabei jene subtile Balance zwischen Licht und Farbigkeit einzustellen, die beide, Licht und Farbe, so spannungsvoll in Erscheinung treten läßt.
Sie malt mit Wachs, wobei sie die Schmelze aus Bienenwachs mit Ölfarben vermischt und mit dem Pinsel heiß auf Tafeln aus Holz oder Glas aufträgt. Das heiße Wachs fließt dabei weich aus dem breiten Pinsel, dünnt im Lauf der Bewegung aus, erstarrt schließlich und bricht stockend auf dem kalten Bildgrund ab. Auf den Wachsbahnen bleibt eine leichte Rillenstruktur zurück, die den Pinselstrich nur noch erahnen läßt. Die Absetzungen des Pinsels treten auch unter mehreren Schichten noch als sichtbare Wölbung hervor und vermitteln die plastische Materialität des Wachses und den Ablauf des Malvorgangs.

Der Bildträger wird zunächst mit einigen Schichten hellem weißen Wachs bedeckt. Sie ergeben den luzenten Bildgrund. Darüber folgen farbige Schichten. Und Schicht um Schicht entsteht ein Bildobjekt, dessen Farbigkeit im Innern zu schweben scheint und sich langsam, zögernd nach außen mitteilt, als müßte jede einzelne Schicht wie ein Schleier gelüftet und durchschaut werden. Das Wachs tritt dabei in seiner Materialität zurück, läßt Licht und Farben hindurch scheinen, trägt die Farben, ohne selbst wahrgenommen zu werden. Es ist wie ein Nebel mit Farbverdichtungen ohne bestimmten 0rt und Raum, durch den das Auge rastlos gleitet, unerwartete, sich langsam entfaltende Farben wahrnimmt und plötzlich auf das couleur trouve trifft, die gefundene Farbe, an der es zur Ruhe kommt. Malerei findet hier nicht nur im Nebeneinander der Setzungen statt, sondern wird intensiviert durch das Übereinander dünner Farbschichten, deren Verdichtungen sich als unscharfe Gebilde in die Bildtiefe hinein entwickeln, zu einer wirklichen Farbräumlichkeit jenseits konstruierter Raumillusion.
Gelegentlich wird das Wachs auch über den Rand des Bildträgers gezogen, als sollte das strenge Rechteckformat mit Farbe umformt, aufgeweicht und aufgelöst werden. Der Rand unterstreicht einerseits den Objektcharakter der Arbeiten und deutet auf ihr solitäres Sein hin - beinhaltet aber auch, in seiner weichen, fluiden, auf Ausdehnung ausgerichteten Ausformung, die Tendenz mit anderen Objekten in Wechselwirkung zu treten. Mehrere aufeinander bezogene Objekte erzeugen dabei einen komplexeren Farbraum, weshalb die Künstlerin bei der Hängung auch bestrebt ist, die Exponate zu einem Geflecht farbiger Bezüge zu verweben.

Läßt man das Auge eine Zeit lang in der Mitte des Bildes verweilen und es danach frei über das Bild wandern, entsteht ein fluktuierendes Nebeneinander von unscharfen Farbbändern, aus denen die Farbe tiefer liegender Schichten intensiver hervortritt. Nach und nach sind weitere Farbnuancen wahrzunehmen. Es entsteht der Eindruck, den Lichtschein bis auf die Maserung der hölzernen Tafel verfolgen zu können. Aber sie triff nicht mehr konkret hervor, sondern ist farbige Erscheinung geworden. Das Auge braucht Zeit, um das Sichtbare abzutasten, es sich begreifbar zu machen. Hier wird das Licht zur farbigen Substanz, die manche Arbeiten nahezu objektlos werden läßt. Sie sind nur noch Licht und Farbe - kaum mehr als ein leuchtendes Wölkchen am Himmel, gespiegelt im ruhigen Wasser eines stillen Rheinarms am Niederrhein.
Sybille Pattschecks Arbeiten erschließen sich erst allmählich, verlangen in einer rastlos forteilenden Welt nach Langsamkeit.
 

Text: Freddie Michael Soethout

 

 

 

Weitere Informationen zu Sybille Pattschek unter www.farbmalerei.org

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