CHRISTIAN KEINSTAR:

Muscles Are Violence

03. Juni - 14. Juli 2016

Auf den ersten Blick wirken die Arbeiten, die Christian Keinstar (*1975) in der galerie januar präsentiert so unterschiedlich wie in einer Gruppenausstellung, man würde sie auf den ersten Blick wohl kaum einem einzelnen Künstler zuordnen. Zu verschieden sind die Materialien und Medien, derer sich der in Köln lebende Künstler bedient. So zeigt Keinstar neben Skulpturen und Installationen auch Video- und Fotoarbeiten, die in den vergangenen fünf Jahren entstanden sind. Auf den zweiten Blick lässt sich jedoch erkennen, dass die Arbeiten scheinbar in einem gemeinsamen Kontext stehen: Gewalt, Gegengewalt und Körperlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Diese macht Keinstar nicht nur sichtbar, sondern beinahe körperlich nachempfindbar. Schwerer Atem und Geräusche die an einen Herzschlag erinnern, durchziehen die Räume der Galerie und nehmen den Betrachter augenblicklich gefangen. Magisch angezogen wird der Besucher durch die im Zentrum stehende Video-Performance Liberate Me (2014). Eine junge, unbekleidete Frau liegt auf einer Bahre, das Gesicht verdeckt von einer seltsam schimmernden Maske, die sich nach und nach auflöst. Je weiter der Prozess fortschreitet, umso leichter scheint ihr das Atmen zu fallen. Durchaus äquivalent ist das Dargestellte zu betrachten, da die Frau sich in einer scheinbar ausweglosen Position befindet und dennoch vollkommen ruhig und entspannt zu sein scheint. Also keine Gewalt, sondern eher ein religiös motiviertes Ritual? Keinstar stellt der Arbeit die Reproduktion einer Fotografie gegenüber, die alle fünf Wissenschaftler zeigt, die für die Einbalsamierung und Konservierung von Wladimir I. Lenin zeigt, und die lange Zeit von den Sowjets geheim gehalten wurde. Der Leib der Frau wird so in eine Beziehung zum Leichnam Lenins gerückt, wodurch der Körper selbst zum Kultobjekt wird.

 

Doch ist der Kölner nicht nur an der Körperlichkeit anderer interessiert, so zeigt er beinahe versteckt auch seinen eigenen Körper. In einer Serie von Bleibildern („Ohne Titel (BB 04-13)“, 201“), die er mit den Händen bearbeitet hat, lassen sich bei genauerem Hinsehen Abdrücke seiner Handflächen erkennen und verweisen so auf die Muskelkraft des eigenen Körpers. Kaum zu erkennen ist die körperliche Gewalt, die in A History Of Power (2011) steckt. Viel mehr erinnert die mit Wachs verkleidete Zinkwanne an eine Arbeit von Josef Beuys. Wäre da nicht der Handgenerator, dessen Stromkabel in der Wanne enden. Keinstar erinnert hier an Foltermethoden französischer Soldaten, die während des Armenienkrieges Bauern und Aufständische in die mit Wasser gefüllten Wannen setzten und sie mit Stromstößen zu malträtieren. Eine Praxis, die sie im Verlauf des Krieges auch an sich selbst testeten, um so den Kameraden gegenüber ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen.

 

Für seine Ausstellung hat Christian Keinstar auch eine neue Arbeit (Ohne Titel) für die galerie januar entwickelt. Folgt man dem schlagenden Rhythmus ins Untergeschoss, eröffnet sich ein scheinbar grausamer Anblick. Nackte Mädchenleiber hängen zuckend von der Decke. Wie ihre Gestalt, scheint auch die Bewegung gleichförmig – fast wie die eines Schwarms. Eine jede folgt unbewusst den Aktionen der anderen, wodurch das Unbehagen beim Betrachter noch gesteigert wird. Angeregt durch am Computer animierte Massenszenen aus Hollywood-Produktionen zeigt Keinstar einerseits das Zusammenspiel der Muskeln im menschlichen Körper und stellt andererseits die Frage nach dem Individuum das in der Konformität innerhalb der Gesellschaft unterzugehen droht und vorgegebenen Meinungen und Moden blindlings zu folgen scheint.

 

                                                                                           Text: Thomas Hensolt

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