VERA DREBUSCH: Im Falle des Fallens

06. November - 17. Dezember 2015

In den Arbeiten von Vera Drebusch treffen Zeitgeschichte und persönliche Biografie aufeinander. In unterschiedlichen Medien – Fotografie, Performance, Multimedia-Installationen oder Künstlerbüchern – untersucht sie verschiedene gesellschaftliche, soziale und politische Phänomene.

In der Postkarteninstallation Erinnerungen, 2013, werden Zitate aus Telefoninterviews gezeigt, welche die Künstlerin mit der Frage „Was ist dein Bild zu Tschernobyl?“ geführt hat. Der Reaktorunfall in der heutigen Ukraine fand 1986 – dem Geburtsjahr der Künstlerin – statt. Sie selbst hat keine eigenen Erinnerungen an dieses Ereignis, sondern kann es nur über Erzählungen anderer nachvollziehen. So fragt sie die Erinnerung von Menschen ihrer Umwelt ab, die der Generation angehören, die die Katastrophe von Tschernobyl bewusst wahrgenommen haben. Aussagen wie: „Man darf den Mund nicht öffnen, wenn man rausgeht“, versinnbildlichen das abstrakt Drastische des fernen Ereignisses und übersetzen es in konkret Erlebtes, das man nachempfinden kann.


Immer wieder setzt sich Vera Drebusch mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinander. In der Arbeit Route, 2014, zeigt sie die auf ihr Dekolleté projizierte Wegstrecke der Vertreibungsroute ihrer Großmutter nach dem Zweiten Weltkrieg – von Brennik (PL) über Ceska Lipa (CZ) bis Niederwiesa (D). Um den Erfahrungen ihrer Großmutter nachzuspüren fuhr Vera Drebusch die Strecke von 300 km innerhalb von fünf Tagen mit dem Fahrrad nach. Auch in verschiedenen Künstlerbüchern untersucht sie die eigene Familiengeschichte und zeigt mit Hilfe von Fotografien unterschiedliche Zusammenhänge auf. Während ihres Auslandaufenthaltes 2013 in Bogota, Kolumbien, lernte sie dort den gleichaltrigen Künstler Andrés Baron kennen. Während eines Vergleichs der beiden Familiengeschichten bis in die Generation ihrer Großväter stellen sie auffällige Gemeinsamkeiten fest, die sie schließlich zu dem Künstlerbuch 9256.122 km verarbeiten, indem sie alte Familienfotoalben ineinander blenden.


Die Auseinandersetzung mit Sprache und deren Bedeutung und Sinnstiftung spielt in unserer Gesellschaft eine entscheidende Rolle. In der Leuchtschrift-Installation Muster, 2014, im Keller von galerie januar e.V. lässt sie die 122 Synonyme des Wortes ‚Muster‘ aufleuchten und in der Sound-Arbeit Unworte wird der Besucher in Endlosschleife mit den offiziellen Unworten der Jahre 2015-1991 beschallt.


Die Kunst von Vera Drebusch befasst sich mit globalen Systemen und Entwicklungen historischer Ausmaße, bringt sie aber zu einem menschlichen Maßstab zurück. Sie macht unsichtbare Ereignisse sichtbar, verdichtet sie zu künstlerischen Objekten, die durch ihre Einfachheit und Klarheit bestechen und den Besucher zu Reflexionen und zum Nachdenken anregen.


Vera Drebusch (*1986 in Herdecke) lebt und arbeitet in Köln. Sie studierte an der Kunsthochschule für Medien Köln, der Universidad Nacional de Colombia, der Hochschule für Künste Bremen und der Fachhochschule Dortmund. In diesem Jahr erhielt sie den Förderpreis des Landes NRW für junge Künstler und stand auf der Shortlist für den Aesthetica Art Prize, New York. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellung im In- und Ausland gezeigt.

 

Text: Claudia Rinke

 

 

Weitere Informationen zu Vera Drebusch unter www.veradrebusch.de

 

 

 

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